Lebt unsere Gesellschaft nahe am Burnout?

6. August 2010 von Annabelle Meinhold
Petra Schuseil - Lebenstempo Coach

Petra Schuseil - Lebenstempo Coach

Leben und arbeiten wir im Einklang mit unserem Lebenstempo? Nutzen wir die von Unternehmen oft propagierte Work-Life-Balance auch für uns selbst? Oder hetzen wir uns nur durch den Arbeitstag bis unser Körper irgendwann durch einen Burnout auf der Strecke bleibt? Fragen, die wir gemeinsam mit Petra Schuseil, zertifizierte Coach, beantworten möchten.

MMK Personal: Frau Schuseil, Sie sind Lebenstempo-Coach und haben zusätzlich zu Ihrem Beratungsangebot noch einen Blog, in dem Sie Tipps rund ums Lebenstempo geben und auch Menschen zu ihrem eigenen Lebenstempo zu Wort kommen lassen. Was genau dürfen wir uns unter einem Lebenstempo-Coach vorstellen?

P. Schuseil: Dass ich mich Lebenstempo-Coach nenne, hat mit meiner Zeit in Hongkong zu tun. Ich lebte dort drei Jahre lang mit meinem Mann, letztes Jahr sind wir zurückgekehrt. Das Lebenstempo war in Hongkong ein so offensichtlich anderes als bei uns in Deutschland, so dass ich mich erstmals mit meinem eigenen konfrontiert sah. Zum ersten Mal nahm ich mir selbst die Zeit, über mich und meine Positionierung als Mensch und Coach nachzudenken. Dabei kam die Idee, meinen Coaching-Ansatz „Lebenstempo“ zu nennen. Es beinhaltet eine sinnvolle Life-Balance, Werte und Bedürfnisse, die eigene Berufung und das dazu passende Tempo. Ich unterstütze Menschen dabei, ihre Einzigartigkeit zu entdecken und erfolgreich einzusetzen, immer verbunden mit ihrem eigenen Lebenstempo.

MMK Personal: Das eigene Lebenstempo erkennen und danach handeln, ist nicht einfach. Angestellte sind gefangen in ihrem unternehmerischen Arbeitsrhythmus, Selbständige laufen dem gewünschten Lebenstempo eher voraus, um mit der eigenen Dienstleistung am Markt zu bestehen. Wie können unsere Arbeit und unser Leben miteinander im Einklang sein? Was können wir dafür tun, was ist dabei die Rolle der Arbeitgeber?

P. Schuseil: Das eigene Lebenstempo ist so individuell wie jeder Mensch. Verschiedene Aspekte wie z.B. der Biorhythmus müssen dabei berücksichtigt werden. Dem einen gelingt es besser, bei Ruhe und Entspannung abzuschalten, ein anderer benötigt einen Lauf in der Natur. Der eine arbeitet lieber morgens, der andere eher abends. Also, Sie merken schon, wenn man sich hier ein bisschen kennt, kann man gut für sich sorgen. Ich sage auch immer, es ist in Ordnung, viele Stunden am Stück zu arbeiten, wenn eben immer auch auf Pausen geachtet wird und wir ausreichend Urlaub nehmen, um auch die Tiefenentspannung zu erleben.

Unser Leben wird bestimmt durch Gesundheit, Freunde und Familie, Beruf und Hobbies sowie Spiritualität. Wenn wir unser Leben mit einem Kuchen vergleichen, den wir in die verschiedenen Lebensstücke teilen, muss jedes Kuchenstück für eine ausgewogene Aufteilung sorgen. Konzentrierte sich ein Mensch beispielsweise nur auf seinen Job und er verliert diesen, kann es passieren, dass eine Welt für ihn zusammenbricht und er nichts anderes hat, um den Verlust aufzuwiegen.

Eine wichtige Regel, die ich immer wieder berücksichtige, ist, wer im guten Kontakt steht mit seinen Bedürfnissen und Werten, brennt nicht aus. Machen Sie sich eine Liste mit 10 Werten und priorisieren diese nach Wichtigkeit. Schon sehen Sie Ihre Prioritäten und Vorlieben im Leben klarer. Fragen Sie sich, was ist mir wichtig im privaten Leben, im Berufsleben? Bekommen die Werte, die an erster Stelle stehen, genügend Zeit und Aufmerksamkeit?

Es gibt immer mehr Unternehmen, die ihre Mitarbeiter bei ihrer Work-Life-Balance fördern und stärken: Sie bieten flexible Arbeitszeiten, Home-Office-Tage, fördern die Einhaltung von Pausen, Jour Fixe und 360-Grad-Gespräche. Es greifen auch immer mehr Personalentwicklungsmaßnahmen in Richtung Coaching. Bei einem Finanzdienstleister steht beispielsweise das Thema Burnout auf der Geschäftsleitungs-Agenda – das zeigt, dass sich das Unternehmen durchaus verantwortlich fühlt. Die FAZ hatte kürzlich in der Sonntagsausgabe das Thema Burnout als Leitartikel veröffentlicht. Es tut sich was in den Köpfen und den Chefetagen, aber sicher noch nicht schnell genug und nicht flächendeckend.

Ein Trend ist aus meiner Sicht, dass viele Menschen sich selbst verwirklichen wollen; sie wollen in beratende und heilende Berufe wechseln. Es ist ein menschliches Bedürfnis, dass wir uns persönlich weiter entwickeln möchten. Wenn Mitarbeiter am richtigen und passenden Platz eingesetzt sind, dann werden sie nach innen und außen loyal auftreten, Kunden an sich binden, damit den Umsatz erhöhen und die Fluktuation und Krankheitsrate senken. Zudem sollten Arbeitgeber noch viel mehr in das Mitarbeiter-Coaching investieren, damit diese leistungsfähig und zufrieden bleiben.

MMK Personal: Woran erkenne ich, wenn bei mir die Balance zwischen Beruf und Privatleben ins Wanken gerät? Was sind die ersten Vorzeichen?

P. Schuseil: Wir selbst erkennen es meist nicht mehr, wenn wir uns im Hamsterrad der eigenen Karriere befinden. Aber unser Partner, unsere Familie, unsere Kinder bemerken erste Veränderungen an unserem Verhalten. Daher sollten wir sie fragen: „Nehme ich mir genügend Zeit für Dich/Euch? Wisst Ihr über meine/Weiß ich über Eure Bedürfnisse/Wünsche/Gedanken Bescheid? Spiele ich ausreichend mit Euch (meinen Kindern)?

Man selbst ist begeistert und bemerkt die beginnenden Symptome nicht, wenn man sich einsetzt und viel Zeit investiert in eine neue Position oder in die Selbständigkeit. Meistens vernachlässigen wir dann das Mittagessen, die Pausen, einen Schwatz unter Freunden, die Familie – der Kreislauf fängt langsam an. Aber noch sind wir guter Dinge und voller Elan.

Typische Gedanken die sich später anschließen können: „Ja, morgen esse ich wieder regelmäßig zu Mittag. Ab nächster Woche beginne ich wieder wöchentlich zu joggen. Im nächsten Urlaub…“ Und so weiter. Der gute Vorsatz wird aufgeschoben und meist nicht realisiert. Diese ersten Warnsignale übersehen wir bis es zu spät ist und wir oft krank werden: Wir bekommen Rücken- oder Kopfschmerzen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Jetzt ist der Burnout-Kreislauf leider schon weit vorangeschritten.

MMK Personal: Sie sind eine Frau und coachen vorwiegend Frauen. Warum? Gehen Frauen anders mit Stress in der Arbeit um? Wie kompensieren sie Stress-Situationen? Können Männer hierbei von Frauen lernen?

P. Schuseil: Dass ich zurzeit eher Frauen coache, hat sich zufällig ergeben. Ob Frauen anders Stress kompensieren? Wenn ich darüber nachdenke, dann sind sie offener, über sich und ihre derzeitige Situation nachzudenken. Haben einen besseren Zugang zu ihrem Körper und erkennen Warnsignale früher. Frauen sind in der heutigen Zeit extrem belastet, da sie die verschiedensten Anforderungen zu erfüllen haben in Familie, Partnerschaft und Beruf. Viele sind perfektionistisch und deshalb anfällig für Stresssymptome. Auch hier wird zunehmend öffentlich aufgeklärt. Mir fällt dazu das Buch ein von Miriam Meckel: Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout.

MMK Personal: Die FTD hat eben erst einen Beileger zu Work-Life-Balance publiziert. Arbeiten und Leben im Gleichgewicht war vor der Wirtschaftskrise ein wichtiger Baustein der Personalentwicklung. Derzeit scheinen die meisten Unternehmen mehr auf Arbeitsgehorsam als auf Arbeitsausgleich zu setzen. Der Mitarbeiter ist wieder selbst gefragt, Arbeit und Privatleben in Einklang zu bekommen. Wie können wir im Arbeitsalltag besser auf unser Lebenstempo hören? Was können wir tun, um uns ins seelische und körperliche Gleichgewicht zu bringen?

P. Schuseil: Ja, wie kriegt man das hin: Raus aus der Fremdbestimmung hinein in die Selbstbestimmung? Wer sich das klar macht, dass man jeden Tag eine Wahl hat, ist schon einen entscheidenden Schritt weiter. Wir wissen: Zuerst kommt der Gedanke und dann das Gefühl.

Was ich meinen Kunden rate ist, Pausen machen. Am besten jede Stunde und dann fünf Minuten entweder am Schreibtisch etwas Schönes denken oder träumen. Oder die Treppen hoch- und herunterlaufen. Einmal ums Haus spazieren. Sich kurz abseits vom Schreibtisch aufhalten, kann den Kopf schon wieder frei machen.

Mittagessen mit einer netten Kollegin, einem Kollegen. Vielleicht ein Problem das man hat, z.B. mit der Powerpoint-Präsentation, ansprechen und schon ist eine Lösung in Sicht.

Wenn möglich bei schwierigen Denk-Aufgaben oder einfach auch zum Luftholen: Eine stille halbe Stunde einlegen: Anrufbeantworter an und Tür zu. Das geht nicht immer – ich weiß – aber der Versuch ist es wert. Die Zeiten, die man sich ersehnt, zum Joggen oder zum Yoga – und wenn es nur 15 Minuten sind, können und sollten wir uns morgens oder abends immer gönnen.

Nicht alles auf einmal wollen: Portugiesisch oder Chinesisch lernen, tanzen gehen, Bogenschießen lernen, eine neue Ausbildung beginnen. Wir stressen uns auch in unserer Freizeit. Weniger ist oft mehr. „Zeit für mich“-Phasen im Kalender einplanen, eintragen und einhalten. Ist für viele meiner Kunden DAS entscheidende Tun.

UND: Das kleine Wörtchen „Nein“ einsetzen, wenn man merkt, man tendiert zum “Ja“ und will aber gar nicht. Mehr Tipps gibt es in meinem Newsletter oder auch bei Lothar Seiwert.

MMK Personal: Sind denn die meisten Menschen bereit, ihr eigenes Leben zu hinterfragen? Mit welchen Hoffnungen und Wünschen kommen Ihre Kunden auf Sie zu?

P. Schuseil: Meine Erfahrung ist, dass es eine Typfrage ist, ob man sich persönlich weiter entwickeln möchte. Die meisten fangen dann an, über ihr Leben nachzudenken und etwas daran ändern zu wollen, wenn sich eine Lebenskrise oder Krankheit eingestellt hat und kaum noch Kraft haben, sich einer Veränderung zu stellen.

Die Hoffnungen und Wünsche meiner Klienten sind alle ähnlich. Sie wünschen sich endlich mal wieder mehr Zeit für sich zu haben. Ruhe einkehren zu lassen. Sie suchen nach ihrer Berufung, nach dem Beruf, der sie eigentlich erfüllt. Sie suchen ihren Genius / ihr Lebensleitmotiv. Sie suchen nach einer sinnvollen Life-Balance.

Dabei helfe ich ihnen, wobei ich mir manchmal wünschen würde, dass Menschen mein Coaching als Prävention und Prophylaxe nutzen möchten.

Kurzprofil:

Petra Schuseil ist Lebenstempo-Coach mit den Schwerpunkten Werte, Berufung, Selbstmanagement. Davor war sie bereits Coach und Trainerin für Zeitmanagement und Life-Balance. Bei ihrer Ausbildung bei Janus Team GmbH in Aying stand die persönliche Weiterentwicklung im Vordergrund – neben den Werkzeugen und Methoden aus dem systemischen Ansatz. Ihre Abschlussarbeit ging um Erfolgreiches Energiemanagement und Burnout-Prävention. Bei Janus hat sie vom Werte-Coaching erfahren und sich selbst um ihre Werte und Bedürfnisse gekümmert und konnte damit ihrem eigenen Burnout die rote Karte zeigen. Ihre dort gelernten Ansätze und Erlebnisse bringt sie nun in ihr Lebenstempo-Coaching ein. Auf ihrem Lebenstempo-Blog schreibt sie Persönliches, gibt Tipps zu Work-Life-Balance und befragt Menschen zu ihrem eigenen Lebenstempo. Zudem begleitet Petra Schuseil Expats und deren PartnerInnen, um sich in der zukünftigen Kultur zurechtzufinden bzw. sich bei ihrer Rückkehr wieder einzugliedern.

Das Gespräch führte für die MMK Personalberatung Frau A. Meinhold, Eigentümerin  der Presseagentur Wörterladen.

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1 Kommentar zu „Lebt unsere Gesellschaft nahe am Burnout?“

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